Technische Berufe in Dortmund bieten Vielfalt und Zusammenhalt

Kongressthema

Vielfalt und Zusammenhalt Kurzfassung dt.

Diversity and Cohesion summary eng.

Vielfalt und Zusammenhalt

36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

01.‑05. Oktober 2012 in Bochum und Dortmund

Der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), der vom 1. bis zum 5. Oktober 2012 an der Ruhr-Universität Bochum und an der Technischen Universität Dortmund stattfindet, wird sich mit dem Thema „Vielfalt und Zusammenhalt“ beschäftigen. Damit bietet sich der Soziologie als Profession wie auch dem interessierten Publikum eine hervorragende Gele-genheit, um die Herausforderungen, aber auch die Chancen neuer gesellschaftlicher Komplexität im Lichte aktueller Forschungsbefunde zu diskutieren.

In der Soziologie fokussieren Begriffe wie Individualisierung und Pluralisierung, Multioptions- oder multikulturelle Gesellschaft, aber auch Inklusion und Exklusion, Fragmentierung und posttraditionale Vergemeinschaftung unterschiedliche Aspekte des zeitgenössischen sozialen Wandels. Die Vielfalt von normativen Orientierungen, von Lebenslagen und Lebensstilen, von neu entstehenden und sich beständig wandelnden sozialen Milieus, von ethnisch-kulturellen Gemeinschaften und von Geschlechterorientierungen wird in unterschiedlichen soziologischen Traditionen jeweils spezifisch adressiert: einerseits unter dem Gesichtspunkt von Gefahren für sozialen Zusammenhalt, andererseits unter den Aspekten von kreativer Weiterentwicklung und sozialer Innovation.

Während die – von Vielen als wachsend wahrgenommene – Pluralität sozialer Lebensäußerungen und -formen also einerseits als Bedrohung des ‚sozialen Bands‘ thematisiert wird, erscheint sie andererseits geradezu als Voraussetzung und grundlegender Mechanismus der Stiftung (neuer) sozialer Bindungen. Aus soziologischer Perspektive nehmen mit erweiterten Figurationen sozialer Vielfalt auch die möglichen Ausgestaltungsformen sozialen Zusammenhalts zu. Dieses Spannungsverhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebens steht im Mittelpunkt des 36. Kongresses der DGS.

1. Zusammenfassung

In der breiten Öffentlichkeit wie auch unter Soziologinnen und Soziologen herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass unsere Gegenwartsgesellschaft als zunehmend vielfältiger wahrgenommen wird: Wachsende religiöse Vielfalt deutet sich in der steigenden Zahl unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften (vor allem des Islam, aber auch des Buddhismus, Freikirchlicher oder Pfingst-Gemeinden), in entsprechenden sakralen Bauten und auch in Bekleidungsattributen wie Kreuzanhänger oder Kopftuch an; Arbeits- und Erwerbsformen werden flexibilisiert und differenzieren sich weiter aus nach Arbeitsort, Umfang der Arbeitszeit, Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und Bindung an die jeweilige Organisation; die Soziallagen der Menschen scheinen nicht mehr nur von Einkommenshöhe, Bildungsniveau, Herkunftsmilieu und Geschlechtszugehörigkeit bestimmt zu sein, sondern auch von weiteren, immer vielfältigeren Faktoren wie z.B. kommunikativen Kompetenzen, sozialen Netzwerken, interkulturellen Erfahrungen sowie persönlichen Neigungen und Leidenschaften; kulturelle Orientierungen differenzieren sich offensichtlich weiter aus, wie Diskussionen über das (angebliche) ‚Ende der multikulturellen Gesellschaft‘, über die Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit einer ‚Leitkultur‘ oder über (vermeintliche) ‚Parallelgesellschaften‘ zeigen; Lebensstile und Geschlechterorientierungen erscheinen vielfältiger, wie sich an soziologischen Milieu-Begriffen (z.B. postmodernes, liberal-intellektuelles, konservativ-technokratisches, hedonistisches oder Arbeiter-Milieu) oder auch an der öffentlichen Aufmerksamkeit für Schwulen-, Lesben- und Queer-Aktivitäten ablesen lässt; nicht zuletzt sind die Möglichkeiten der Information und Kommunikation offensichtlich vielfältiger geworden, was sich an Begriffsschöpfungen wie Googeln, Twittern, Bloggen, Simsen, Chatten oder Skypen zeigt.

Für die Soziologie als Wissenschaft, die sich mit den Strukturen und Prozessen der Vergesellschaftung, mit sozialem Handeln, sozialen Ordnungen und sozialem Wandel beschäftigt, ergeben sich hieraus einige grundlegende Fragen: Welche dieser Formen und Muster von Vielfalt sind tatsächlich neu? Erleben wir am Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich eine Zunahme der Vielfalt menschlicher Lebensäußerungen und des gesellschaftlichen Zusammenlebens? Handelt es sich womöglich vorrangig nur um die Zunahme der Wahrnehmung wachsender Vielfalt? Hat unter Umständen gar nur die Vielfalt der Wahrnehmungen zugenommen? Oder sind bisher seltene Lebensformen häufiger geworden beziehungsweise werden häufiger öffentlich wahrgenommen?

Ist somit alleine schon die Frage nach dem tatsächlichen und/oder wahrgenommenen Ausmaß und den Formen gesellschaftlicher Vielfalt nicht einfach zu beantworten, so ergeben sich mindestens ebenso viele weitere Ungewissheiten im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Vielfalt und Zusammenhalt im Zusammenleben: Fördert oder gefährdet soziale Vielfalt (bzw. deren – zunehmende – Wahrnehmung) den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Gibt es Formen von ‚Vielfalt‘ (wie z.B. Rassismus, ethno-religiöse Fundamentalismen oder extreme soziale Ungleichheiten), die gesellschaftlichen Zusammenhalt in Frage stellen? Inwiefern setzt Zusammenhalt soziale Vielfalt voraus? Entstehen mit neuen Formen von Vielfalt vielleicht auch erweiterte Möglichkeiten der Herstellung von Zusammenhalt?

Eine über alle paradigmatischen Positionen und Subdisziplinen hinweg geteilte soziologische Grundannahme besagt, dass die mannigfachen Formen von individueller und kollektiver Vielfalt immer gesellschaftlich hergestellte Ausdrucksweisen von Vielfalt sind. Deshalb steht Vielfalt keineswegs in einem grundlegenden strukturellen Spannungsverhältnis zu sozialem Zusammenhalt, vielmehr wird gesellschaftlich als relevant wahrgenommene Vielfalt immer durch soziale Symbolsysteme, Praktiken und Akteursgruppen sowie technische Artefaktstrukturen produziert und reproduziert. Schon deswegen erzeugt die gesellschaftliche Produktion von Vielfalt immer auch Formen der Produktion von Zusammenhalt. Spannungen und Probleme entstehen in Vergesellschaftungsprozessen allerdings dadurch, dass soziale Vielfalt in bestimmten Bereichen oder Dimensionen des sozialen Lebens nicht durch soziale Vielfalt in anderen Lebensbereichen oder Dimensionen überlagert und dadurch ‚eingebunden‘ wird.

Während in der Soziologie ebenso wie in der interessierten Öffentlichkeit die Wahrnehmung einer wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt – im Hinblick auf individuelle Lebensentwürfe und -wege, auf gruppen- und organisationsbezogene Gesellungsweisen wie auf institutionell-nationale Vergesellschaftungsformen – in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten stark zugenommen hat, sind das Bewusstsein für und die Kenntnis von wachsenden Möglichkeiten und Formen der Erzeugung sozialen Zusammenhalts eher schwach ausgebildet. Der 36. Kongress der DGS thematisiert deshalb insbesondere das Wechselverhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt und neu entstehende Mechanismen der (potentiellen) Produktion von Zusammenhalt. Entstehen durch moderne Kommunikationstechnologien und entsprechende ‚soziale Netzwerke‘ wie Facebook oder durch die Eventisierung von Freizeit- und Marketingaktivitäten neue Möglichkeiten ‚posttraditionaler Vergemeinschaftung‘? Vervielfachen sich die Möglichkeiten ‚schwacher Bindungen‘, die als strategische Brücken zwischen alltagsweltlichen sozialen Kreisen gesellschaftlichen Zusammenhalt stiften? Welchen Beitrag leisten moderne Profit- und Non-Profit-Organisationen für Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung? Welche Verflechtungswirkungen haben transnationale und globale Sozialräume jenseits der zwiebelschaligen Raumbindungen von Lokalem, Regionalem und Nationalem, welche neuen Formen von grenzüberschreitender Vielfalt (und sozialer Ungleichheit) entstehen in diesem Zusammenhang?

Im Sinne einer Fokussierung der erkennbar vielfältigen Diskussion über Vielfalt und Zusammenhalt lassen sich einige den Gegenstand des 36. DGS-Kongresses strukturierende Thesen und Antithesen aufstellen:

Soziale Vielfalt gab es schon immer, verändert haben sich die Häufigkeitsverteilungen von Vielfaltsphänomenen und die wahrge-nommene Vielfalt.
Soziale Vielfalt hat in der sich beschleunigenden Moderne eine neue Qualität erreicht.
Mit sozialer Vielfalt sind ebenso die Formen und Möglichkeiten der Produktion von Zusammenhalt angewachsen.
Soziale Vielfalt bedroht in ihrer Komplexität und wegen fehlender positiver Bindungswirkungen den gesellschaftlichen Zusammen-halt.
Zunehmende soziale Vielfalt ist in komplexen Gesellschaften grundsätzlich als Ausdruck von Optionen zu begrüßen.
Es haben sich Formen von Vielfalt herausge-bildet, die sozial nicht erwünscht waren/sind und/oder Zusammenhalt gefährden.
Die Selbststeuerungskräfte moderner Gesell-schaften gebären mit zunehmender Vielfalt auch entsprechende Kohäsionskräfte.
Im sich beschleunigenden Finanzmarktkapitalismus bedroht zentrifugale Vielfalt politisch herzustellenden Zusammenhalt.

2. Systematische Zugangsweisen

Das Verhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt ist eine Leitfrage und grundlegende Problemstellung der Soziologie seit ihrer Begründung als eigenständiger Wissenschaft. Vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und tiefgreifender sozialer Umwälzungen in vielen (europäischen) Ländern konstituierte sich die Soziologie angesichts von Industrialisierung, Individualisierung, Rationalisierung und Urbanisierung um Fragen wie ‚Was hält Gesellschaften eigentlich angesichts der Erosion traditionaler Lebensverhältnisse zusammen?‘, ‚Wie ist Gesellschaft möglich‘?, ‚Was sichert sozialen Zusammenhalt und (national)gesellschaftliche Ordnung?‘ Ob Emile Durkheims mechanische und organische Solidarität, Ferdinand Tönnies‘ Gemeinschaft und Gesellschaft, Herbert Spencers organisch-evolutionäre Differenzierung und Spezialisierung, Max Webers Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung oder Georg Simmels Formen und Wechselwirkungen des menschlichen Zusammenlebens: Die zentralen Begriffe und theoretischen Annahmen der Begründer der Soziologie kreisen um solche Problemstellungen.

Ein wesentlicher Beitrag der Soziologie für das Verständnis menschlichen Zusammenlebens kann darin gesehen werden, dass sie in ihren verschiedenen Denkschulen ein tieferes Verständnis für die untrennbare Verknüpfung von Vielfalt und Zusammenhalt der Lebensformen und Lebensäußerungen geschaffen hat. In differenzierungstheoretischer Perspektive ist Vielfalt ein Grundmerkmal der Entwicklung der modernen Gesellschaft. Laut Spencer besteht das Prinzip der Differenzierung in einer Transformation vom Homogenen ins Heterogene. Durkheims Unterscheidung von mechanischer und organischer Solidarität folgt dem gleichen Gedanken; sie fragt des Weiteren nach dem Zusammenhang von Differenzierung und Integration bzw. von Vielfalt und Zusammenhalt. Das moderne Individuum ist ohne eine Vielfalt von sozialen Zugehörigkeiten nicht denkbar; Individualität entsteht, so Simmel, durch eine ‚Kreuzung sozialer Kreise‘. Zwar ist Vielfalt potentiell eine Quelle von Konflikten, aber schon Simmel hat auf die vergesellschaftende Funktion des Streits hingewiesen. Die soziologische Konflikttheorie sieht den Konflikt gar als Motor für gesellschaftliche Entwicklung. Dahrendorf zufolge gefährdet nicht der Konflikt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern die Konfliktverleugnung bzw. das Versäumnis, Wege der Konfliktregulierung und des Interessensausgleichs zu finden. Anerkannte Vielfalt gilt ihm als ein Merkmal der modernen Bürgergesellschaft. Mit Elias ist allerdings zu berücksichtigen, dass soziale Vielfalt immer auch Inklusions/Exklusions-Verhältnisse und Machtdifferenzen begründet. Insofern stehen Vielfalt und Zusammenhalt grundsätzlich in einem Spannungsverhältnis zueinander.

Seit den 1980er Jahren erfährt das Verhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt eine gesteigerte Aufmerksamkeit. ‚Was hält die Gesellschaft (noch) zusammen?‘ ist eine von Wissenschaftlern, Politikern und Verbänden gleichermaßen (und häufig besorgt) gestellte Frage. Soziologische Gegenwartsdiagnosen weisen auf eine wachsende gesellschaftliche Vielfalt hin. Begriffe wie individualisierte, post-traditionelle, pluralisierte, Netzwerk-, Multioptions-, multikulturelle, globalisierte Gesellschaft fokussieren unterschiedliche Aspekte dieses Prozesses: Vielfalt der normativen Orientierungen, der Lebensstile, von neu entstehenden und beständig sich wandelnden sozialen Milieus und sozio-ethno-kulturellen Sozialräumen. Der Blick richtet sich gleichermaßen auf zentrifugale wie auf zentripetale, auf Zusammenhalt möglicherweise erodierende Kräfte wie auf (z.T. verblüffend) beharrliche Garanten und immer wieder neu entstehende Formen sozialer Kohäsion. Einigkeit scheint darin zu bestehen, dass die ‚klassische‘ (Parsonssche) Sichtweise, soziale Kohäsion werde vor allem durch normative Integration gesichert, unzureichend ist. Die soziologischen Diagnosen bewegen sich zwischen der großen Skepsis, ob die durch Multioptionalität überforderten Individuen zu Ligaturen finden, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern und Orientierungspunkte in der Vielfalt der Optionen bieten, und der Erwartung, eine sich herausbildende‚ aktive Bürgergesellschaft könne vielfältige und bunte, lokale und zugleich transnationale Kohäsionskräfte aufbauen. Gleichsam quer zu beiden Perspektiven finden sich zudem soziologische Positionen, die von der Semantik der ‚Integration‘ auf jene der ‚Inklusion‘ umstellen und damit die Frage gesellschaftlicher Vielfalt und sozialen Zusammenhalts auf nochmals andere Weise thematisieren.

Vielfalt ist grundsätzlich als Gegen-, Neben- oder Miteinander pluralisierter Lebenslagen und sozialer Gruppierungen möglich. Im wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaftstypus hat die über Anspruchsrechte des Einzelnen funktionierende individualistische Inklusion bislang ein ausgeprägtes soziales Gegeneinander weitgehend verhindert. Ob dies angesichts eines tendenziellen Rückbaus bzw. einer allenfalls selektiven Weiterentwicklung sozialstaatlicher Sicherungen weiterhin gelingen wird, ist eine für das Verhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt höchst relevante Frage – wie sich an ausgeprägten Exklusionstendenzen gegenüber bestimmten Gruppen wie z.B. Islamgläubigen in vielen westeuropäischen oder den Sinti und Roma in einigen osteuropäischen Ländern (aber etwa auch in Frankreich) zeigt, bei denen sich meistens ‚klassische‘ soziale Ungleichheiten mit neuen sozio-ethno-kulturellen Differenzen überlagern. In diesem Zusammenhang wird des Weiteren zu beobachten sein, wie die kollektiven Repräsentationsforderungen ethnischer Gruppen und der damit verbundene Wechsel von der individualistischen zur kollektiven ‚Inklusion‘ die Bedingungen der Organisation von gesellschaftlichem Zusammenhalt verändern.

Neben Prozesse sozialer Differenzierung, über die Vielfalt sich gleichsam ‚naturwüchsig‘ bzw. evolutionär einstellt, sind in jüngerer Zeit Bemühungen getreten, Vielfalt gezielt herzustellen bzw. zu nutzen. Bei diesen – vor allem in der Wirtschaft und im Erziehungssystem vorzufindenden – Bemühungen wird die produktive Funktion von Vielfalt betont. In der Wirtschaft wird mit den Begriffen der ‚Diversity‘ und des ‚Diversity Management‘ Vielfalt als eine Form der Anpassung von Organisationen an beschleunigten sozialen Wandel thematisiert. Im Erziehungssystem hat eine ‚Pädagogik der Vielfalt‘ Konjunktur, in der die Anerkennung von Heterogenität von Lerngruppen zum didaktischen Prinzip erhoben wird. In solchen dezidiert positiven Sichtweisen von Vielfalt erscheint diese nicht nur als Quelle individueller Optionensteigerung, sondern als eine Option zur aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Lebensbereiche.

Vor diesem Hintergrund einer kontroversen, Befürchtungen wie Hoffnungen gleichermaßen umfassenden Betrachtung von Vielfalt beschäftigt sich der 36. Kongress der DGS mit der Frage, ob sich im 21. Jahrhundert die klassischen Verknüpfungen von Vielfalt und Zusammenhalt grundlegend verändern:

Welche der thematisierten Formen und Muster von Vielfalt sind tatsächlich neu? Handelt es sich vorrangig nur um veränderte Häufigkeitsverteilungen von Vielfaltsphänomenen oder um die Zunahme der Wahrnehmung wachsender Vielfalt? Hat unter Umständen gar nur die Vielfalt der Wahrnehmungen von Vielfalt zugenommen? Wie wird Vielfalt als gesellschaftliche Selbstbeobachtung und als Ausdruck von Machtbeziehungen produziert? Welche Formen sozialer Vielfalt werden gesellschaftlich wertgeschätzt, welche problematisiert? Entwickeln sich neue Mechanismen der Steuerung von Vielfalt und neue Muster sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts? Oder werden vorrangig nur bereits bestehende Zusammenhaltsformen reflexiv wahrgenommen? Welche Muster sozialen Zusammenhalts ergeben sich aus expliziten gesellschaftspolitischen Anstrengungen, etwa im Bereich von Wohlfahrts-, Sozialpolitiken etc.? Welche Formen sozialen Zusammenhalts entwickeln sich gleichsam ‚hinter dem Rücken der Akteure‘, als nicht-intendierte Folgen absichtsvollen Handelns? Welche Rolle spielt die Soziologie als Beobachterin (und Erzeugerin oder Verstärkerin) gesellschaftlicher bzw. gesellschaftlich wahrgenommener Vielfalt?

In einer analytischen Perspektive soll im Rahmen des Kongresses das Zusammenspiel von Reproduktion und Innovation, von Prozesskontinuität und Strukturbruch im Verhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt zur Diskussion stehen, gruppiert um die folgenden drei Grundannahmen:

1. Ebenen und Dimensionen von Vielfalt differenzieren sich substantiell aus, werden dynamischer und erscheinen zunehmend bzw. unmittelbarer als soziale Konstrukte.

2. Klassische Formen und Mechanismen von Bindung und Zusammenhalt bestehen fort, werden weiterentwickelt und umgeformt und durch neue Formen und Mechanismen ergänzt.

3. Die räumlichen und zeitlichen Verteilungskonstellationen von Vielfalt und Zusammenhalt verändern sich grundlegend, insbesondere durch zeitliche Verdichtung und Streckung sowie durch räumliche Mehrebenendifferenzierungen.

Diesen Annahmen soll vor allen Dingen im Rahmen der fünf die Plenarveranstaltungen des Kongresses strukturierenden Schwerpunktthemen (‚Streams‘) nachgegangen werden, die sich nicht nur mit gesellschaftlichem Zusammenhalt unter Bedingungen ethnokultureller Vielfalt, sozialer Ungleichheit und pluralisierter Lebensformen beschäftigen, sondern auch nach neuen Formen des Zusammenhalts fragen und die mit dem Kongressschwerpunkt verbundenen theoretischen Herausforderungen für die Soziologie thematisieren.

3. Herausforderungen und Chancen: Gegenwartsdiagnostische Perspektiven

Neben einer systematisch-analytischen Zugangsweise zum Thema Vielfalt und Zusammenhalt wird sich der DGS-Kongress mit dem Spannungsverhältnis von Herausforderungen und Chancen beschäftigen, die sich aus den (angenommenen) gegenwärtigen grundlegenden Veränderungen der klassischen Vielfalt-Zusammenhalt-Verknüpfungen ergeben. Auch diese Frage lässt sich in unterschiedliche thematische Richtungen ausdifferenzieren.

Die ökonomische Globalisierung von Wertschöpfungsketten, die grenzüberschreitenden Aktivitäten von Profit- und Non-Profit-Organisationen, massive Migrationsbewegungen und moderne Kommunikations- und Transporttechnologien haben die für die Menschen erfahrbaren – im Sinne von erlebbaren und erreichbaren – Orte und (geographischen) Räume erweitert und vervielfacht. Gleichzeitig führen diese Tendenzen sozialen Wandels auch zu neuen Formen der sozialen Vielfalt in Räumen wie z.B. Städten oder Nationalgesellschaften. Diese Vielfalten von und in Räumen bringen teilweise erweiterte Möglichkeiten der Produktion von Zusammenhalt mit sich (z.B. transnationale Sozialräume über weite Distanzen). Sie bergen gleichzeitig auch Herausforderungen der stadtteilbezogenen Segregation, nationalistischen Separation oder zivilisationskulturellen Konfrontation.

Die Sozialstrukturanalyse hat in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Modelle vorgelegt, mit denen die Komplexität des sozialen Raums in der Verschränkung vertikaler und horizontaler Differenzierung sowie vielfältiger (lokaler, regionaler, nationaler, supranationaler, transnationaler, globaler) Raumbezüge und (biographischer und lebenssequenzieller) Zeitlichkeitsdimensionen modelliert werden kann. Es besteht aber weiterhin die Herausforderung, eine angemessene Theoriesprache und ein geeignetes methodisches Instrumentarium zu entwickeln, mit denen das Verhältnis von (z.B. klassengebundener) Einheit und (z.B. lebensstil-mäßiger) Differenz erfasst und dargestellt werden kann. Vor dem Hintergrund von Beobachtungen einer wachsenden Kluft zwischen reichen und armen bzw. von sozialem Abstieg bedrohten Teilen der Bevölkerung, zwischen denen ‚auf der Sonnenseite‘ und denen ‚im Dunkeln‘ (den ‚Überflüssigen‘, ‚Problematischen‘, ‚Unangenehmen‘, ‚Peinlichen‘ usw.) erscheint die Tendenz zu einer wachsenden Disparität der Sozialstruktur als eine potentiell den sozialen Zusammenhalt bedrohende Entwicklung. Hieraus ergibt sich z.B. die Frage, ob bzw. in welcher neuen Form ein gesellschaftlicher Grundkonsens ohne ausgeprägte Exklusionstendenzen gegenüber bestimmten ‚Dritten‘ noch bzw. wieder möglich ist oder ob sich Zusammenhalt auch (wie in vielen anderen Nationalgesellschaften, vor allem des globalen Südens) bei weiter fortschreitender sozialstruktureller Ungleichheit herstellen lässt.

Da der gesellschaftliche Grundkonsens bislang in hohem Maße institutionell durch die wohlfahrtsstaatlichen Systeme sozialer Sicherung gewährleistet war bzw. ist, lässt der Um- bzw. Abbau des Sozialstaats neue Antagonismen als möglich erscheinen. Inwieweit unterprivilegierte Soziallagen sich gesellschaftlich organisiert artikulieren können, muss vor dem Hintergrund der (begrenzten) Vervielfältigung von sozialen Milieus und Lebensstilen betrachtet werden. Der schwindenden Bindung an politische Parteien und der stagnierenden Mitgliedschaft in traditionellen (gewerkschaftlichen oder unternehmerischen) Interessenorganisationen stehen vergleichsweise stabile Formen betrieblicher Vergemeinschaftung und Interessenregulierung (z.B. durch Betriebsräte) sowie neue Formen (sub-)politischer kollektiver Aktivitäten (wie z.B. Attac, Christopher-Street- oder Euro-May-Day-Bewegung, aber auch die ‚Wutbürger‘ u.a.) als Ausdruck der Vervielfältigung politischer Artikulationsformen und Milieus gegenüber.

Während klassische, gesamtgesellschaftlich verbindliche Institutionengefüge (wie z.B. die christlichen Großkirchen, die Alleinernährerfamilie oder das Normalarbeitsverhältnis) durch wachsende Vielfalt herausgefordert werden, entstehen neue Formen organisationalen und netzwerkartigen Zusammenhalts. Diese häufig auf spezifische Interessen oder Lebenslagen zugeschnittenen, z.T. lokal organisierten Vergesellschaftungsangebote (wie z.B. Wohngemeinschaften, Mitfahrgelegenheiten, Car-Sharing, altersgemischte Wohnkonzepte, themenbezogene Aktionsbündnisse oder internetbasierte soziale Netzwerke) können als sozial innovative Formen des ‚Zusammenhalts in Vielfalt‘ interpretiert werden.

Im Feld von Erwerbsarbeit und wirtschaftlicher Produktion erzeugen Entgrenzungsprozesse eine die herkömmlichen Arbeitsverhältnisse transzendierende Varietät von Erwerbsmustern und Beschäftigungsformen, die sowohl die alltägliche Lebensführung als auch die organisierte Interessenvertretung der Beschäftigten vor neue Herausforderungen stellen. Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten (z.B. in Gestalt von Telearbeit), das zeitlich limitierte Projekt als neue Form der Arbeitsorganisation, das Outsourcing von Arbeiten, die Verbreitung von Soloselbständigkeit u.v.m. haben eine (weitere) De-Kollektivierung der Arbeit zur Folge. Zugleich entstehen aber auch hier neue Formen des Zusammenhalts (z.B. über ortsungebundene virtuelle Vernetzungen all derjenigen, die trotz wachsender Vielfalt von Beschäftigungsformen in einer ähnliche Lage sind und/oder ähnliche Interessen verfolgen) und sogar neue grenzüberschreitende Texturen von Erwerbsregulierung.

Nicht zuletzt als Folge von Globalisierung, Transnationalisierung und Arbeitsmigration, die in jüngerer Zeit eine wachsende Zahl von ‚High-Potentials‘ einschließt, sowie der stetig steigen- den Erwerbsquote von Frauen wird die Belegschaft von Organisationen zunehmend heterogener. In Organisationen werden mithin neue Strategien für den Umgang mit dieser Vielfalt entwickelt werden. Der sich entfaltende ‚Managing Diversity‘-Diskurs, der Vielfalt als Potential und Innovationschance und nicht als Problem definiert, stellt die derzeit gängige (und ‚politisch korrekte‘) Antwort auf diese Herausforderung dar. Er steht gewissermaßen paradigmatisch für eine positive, inkludierende – und gleichzeitig instrumentalisierende – Perspektive auf Vielfalt. Gleichwohl bleibt die Frage nach den Grenzen der Inklusion bzw. nach den Ausschlüssen, die dieser Diskurs selbst produziert, wie dies etwa bei den Debatten um die (Notwendigkeit der) Einwanderung von Hochqualifizierten (und der zumindest impliziten Exklusion niedrigqualifizierter Zuwanderer) der Fall ist. Nicht jede Vielfalt ist gleichermaßen erwünscht und anerkannt. Zu untersuchen ist die Marktlogik, die zwischen einer geschätzten Diversität und einer unerwünschten, als problematisch wahrgenommenen Differenz unterscheidet.

Die Pluralisierung der Familienformen hat eine Vielfalt von Mustern des privaten Zusammenlebens entstehen lassen, angesichts derer die (besorgte) Frage, wie unter diesen Bedingungen der familiale, insbesondere der intergenerationale Zusammenhalt gewährleistet werden kann, mit notorischer Regelmäßigkeit gestellt wird. Vor dem Hintergrund des Abbaus wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme und wachsender Unsicherheitserfahrungen (man denke nur an die Diskussion über den tatsächlichen oder vermeintlichen Niedergang der Mittelklasse) stellt sich die Frage, inwieweit die Familie gerade in ihrer Pluralität als eine Solidargemeinschaft Bedeutung dadurch (zurück) gewinnt, dass sie für die Varietät von Lebenslagen flexible Antworten bereit hält – oder halten sollte. Über das familiale Zusammenleben hinaus sind weitere Vergemeinschaftungsprozesse unter Bedingungen zunehmender gesellschaftlicher Vielfalt in den Blick zu nehmen. In dem Maße, in dem Vielfalt aus Prozessen der Entgrenzung resultiert, lassen sich posttraditionale Gemeinschaften als typisch für heterogene Gesellschaften begreifen. Sie tragen zur (Steigerung von) Vielfalt bei und bieten gleichzeitig neue, den Entgrenzungsbedingungen angemessene Formen von (temporären, partiellen, ereignis- oder erlebnis-bezogenen) Erfahrungen von Zusammenhalt. Ihre im Vergleich zu traditionalen Gemeinschaften geringe Normierungsdichte ermöglicht den Individuen eine an Vielfalt positiv anschließende Lebensführung. Zugleich stellen posttraditionale Gemeinschaften Gelegenheiten einer temporären Integration über geteilte Erlebnisse, Konsumstile und Mikrokultur- bzw. Szenezugehörigkeiten bereit.

Die Geschlechterforschung hat im Zuge ihrer konstruktivistischen und de-konstruktivistischen Wenden sowie im Rahmen der Queer-Theorie sowohl die Vorstellung einer einheitlichen Weiblichkeit bzw. Männlichkeit aufgegeben als auch das Deutungs- und Ordnungsmuster der Zweigeschlechtlichkeit selbst in Frage gestellt. Hierbei geht es zum einen um die Frage, inwieweit die auf der Ebene symbolischer Repräsentationen vorzufindende Vervielfältigung von Geschlechteridentitäten sich in alltäglichen Lebenspraxen niederschlägt, zum anderen richtet sich in sozialstruktureller Perspektive – mit dem Konzept der Intersektionalität – das Interesse darauf, wie unterschiedliche Geschlechterpositionen durch die Überschneidung bzw. Gleichzeitigkeit verschiedener sozialer Zugehörigkeiten (Klasse, Ethnie, sexuelle Orientierung, Generation u.a.) zustande kommen. Die auf diese Weisen sich zwangsläufig ergebende Problematisierung der analytisch-sozialen Einheit der Kategorien ‚Frau‘ und ‚Mann‘ stellt nicht nur eine Herausforderung für die Theoriebildung dar, sie hat zudem identitätspolitische Implikationen. Einerseits kann gefragt werden, wie unter dem Vorzeichen geschlechtlicher Vielfalt eine Mobilisierung für geschlechterpolitische Anliegen überhaupt noch möglich ist; andererseits gewinnen Fragen der Geschlechterorientierungen an diskursiver, identitäts- und damit auch zusammenhaltstiftender Bedeutung.

Auf performativer Ebene sind diverse Kulturen der Vielfalt entstanden (‚Bunte Republik Deutschland‘): Lebensstilgemeinschaften, Szenen, brand communities, Bewegungskulturen. Ein zunehmend bedeutender gewordenes Ausdrucksmedium ist der Körper. Er erweist sich als bevorzugte Inszenierungsfläche für ‚Existenzbastler‘. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Relativierung traditioneller Grenzziehungen (z.B. zwischen eindeutig bipolaren Geschlechtern, zwischen Natur und Kultur in der kosmetischen Chirurgie, zwischen Leben und Nicht-Leben angesichts von Pränataler Implantationsdiagnostik und Sterbehilfe), die zu einer kaum mehr reduzierbaren Komplexität von ‚Zwischenlagen‘ führt. Gleichzeitig spiegelt sich in bestimmten Formen solcher Grenzüberschreitungen die Tendenz zu einer an (Medien-)Bildern orientierten Uniformierung (etwa von ‚gesunden und schönen Idealkörpern‘ und einer entsprechenden Ausgrenzung ‚abweichender‘ Körperlichkeit) und zur Mobilisierung betroffenen-spezifischer Werte und Interessenmobilisierungen (z.B. für oder gegen Pränatale Implantationsdiagnostik, für oder gegen Sterbehilfe), die neue Formen von Partialzusammenhalten generieren.

Zunehmende Vielfalt wird jedoch nicht nur im Hinblick auf private Lebensführung, soziale Lebenslagen und -milieus, Arbeits- und Produktionszusammenhänge oder soziale Ungleichheitsstrukturen konstatiert. Auch die Formen und Techniken der Generierung von Wissen, Kompetenzen und Innovationen (in privaten Unternehmen und Forschungseinrichtungen, öffentlichen Universitäten und neuen zivilgesellschaftlichen Netzwerken wie Wikipedia) sind mannigfaltiger geworden. Wissen ist nicht nur eine wesentliche Ressource der gegenwärtigen Gesellschaft, gemeinsames Wissen ist auch gleichsam der Kitt, der das Handeln in der Gesellschaft zusammenhält. Allerdings vervielfältigt sich das Wissen mit der Veränderung der Wissensformen, so dass sich die Frage stellt, welche Formen des Wissens hinlänglich konsensuell sind bzw. sich als gültig durchsetzen.

Wissen unterliegt sowohl einer zunehmenden Differenzierung wie auch einer immer wieder durch gesellschaftliche Herstellungskontexte veränderten Akzentuierung (zwischen Grundlagen- und Anwendungswissen, naturwissenschaftlich-technischem und sozial- bzw. geisteswissenschaftlichem Wissen, ökonomisch verwertbarem und nicht-verwertbarem Wissen usw.). Die gängige Funktionsbeschreibung der Wissenschaft als Quelle gesicherter Erkenntnis wird problematisch, wissenschaftliches Wissen tritt in Konkurrenz zu anderen Wissensformen. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Wissensformen interagieren bzw. ins Verhältnis gesetzt werden und wie sich wissenschaftliches Wissen zu anderen Wissens- und Glaubensformen verhält: Welche Kohäsionswirkungen entstehen durch die zunehmende Vielfalt von Wissen und Wissensformen? Welche zentrifugalen und zentripetalen Wirkungen gehen von der zunehmenden Erkenntnis einer Pluralität von paradigmatischen Standpunkten, Forschungsbefunden, Wissens- und Wissenschaftsverständnissen aus?

Der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wird all die hier aufgeworfenen Fragen verständlicherweise nicht abschließend klären können. Er wird aber ein hervorragender Ort und ein kollektives Medium akademisch-professioneller Wissensproduktion und -vermittlung sein. Er wird sich aus den Blickwinkeln der verschiedenen soziologischen Teildisziplinen, unterschiedlichen paradigmatischen Orientierungen und diversen nationalen wie internationalen Erfahrungen mit den angesprochenen Fragestellungen beschäftigen. Er wird damit auch Zusammenhalt innerhalb der soziologischen Profession erzeugen – durch die Vielfalt von und manchmal auch den Streit zwischen durchaus divergierenden, aber stets auf gemeinsame Frage- und Themenstellungen bezogenen Analysen und Befunden.